Der Schwarze Spiegel

Bilder sind wie Bücher, man muß sie lesen. Photographien sind stumm beredt, sie wollen inständig betrachtet, Wort für Wort entziffert werden. Sie geben sonst nichts her von dem, was sie geborgen haben. Der achtlose Blick, der das Bild bloß überfliegt, entreißt ihm nicht Herz, Essenz, Parfüm. Der Gegenstand teilt erst bei genauester Betrachtung – ihre inständigste Form ist Lesen und Beschreiben – sein Geheimnis mit. Der Künstler kann nicht für den Betrachter lesen. Er kann ihm eine Lesehilfe geben.

Ihr lesbarer Gehalt schützt die Photographie vor der Versuchung, der die moderne Kunst erliegt: Bedeutung durch Aura zu ersetzen. Photographische Kunst kommt ohne Kunst-Aura aus. Inhalt und aesthetische Qualität ersetzt sie nicht durch Weihe. Ihr Geheimnis liegt in der Oberfläche: »Willst Du das Unsichtbare fassen, dringe, so tief Du kannst, ein in das Sichtbare«, empfiehlt Max Beckmann. Die moderne Kunst hat aufgegeben, dies zu tun. Den Zugriff auf das Sichtbare: nur die Photographie beherrscht ihn noch. Ist die Photographie nicht die verschwiegenste und zugleich die gesprächigste und freimütigste der Künste? Autistisch wie die moderne Kunst ist sie ganz und gar nicht. Sie hängt an der Nabelschnur zum Wirklichen und verspricht, der Wahrheit analog zu sein. Als Vehikel der Lüge eignet sie sich folglich gut.

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Ist dieses Bild gelogen? Vielleicht. Alles scheint hier klar und selbstverständlich: eine Tür ist zugemauert, und das ist absurd. Türen sind dazu da, daß man sie passiert. Vermauert ist die Tür ein Schwarzer Spiegel, in dem man weder sich noch irgendwen erkennt. Ist eine Tür dauerhaft versperrt, dann ist sie keine mehr. Weiß man, diese Tür liegt in der DDR, dann nimmt man das Bild vorschnell als Paraphrase auf die Mauer, als Analogie. Doch Nein.

Für mich als Westberliner war damals, September 1973, die DDR ein unendlich weites Land um das kleine enge Westberlin. Die Mauer spürte man in West so deutlich wie in Ost. Westberlin: Insel in der Flut, die Mauer Brandung aus Stein und Alltags-Terror. Die weite DDR schien Deutschlands Geheimnis zu enthalten, alles das, was man nicht wußte. Reisen in den Osten: Reisen in einbalsamiertes Imperfekt. Liegt das Geheimnis nicht immer im Vergangenen? Daß wir, wir Westberliner, in die Mark Brandenburg nicht reisen durften, machte die Distanz von hundert Kilometern zu einer von Tausend Meilen, zu einer Reise durch die Zeiten, in eine Art Museum.

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Die Mauer-Tür wirkte auf mich als Eröffnung; mir gab sie den Blick in Fontanes Welt frei – mit ihrer Undurchdringlichkeit. Die blinde Tür befindet sich an einem Ort voll literarischer Magie. Es ist eins der Schlösser in der Mark, die Fontane 1889 in Fünf Schlösser beschrieben hat. Die Bewohner von 1973 ahnten nichts davon; sie mieteten das Schloss für ein paar Mark im Monat. Ein normales Siedlungshaus hätten sie besser gefunden. Sie mußten sich mit einem Schloß bescheiden und waren auch zufrieden. Der Mieter war nicht irgendwer, sondern damals mein bester Freund und ein bedeutender Kollege.

Schloß Hoppenrade ist geweihter Boden, ein Tempel der Literatur. Das sprach sich herum; die Zahl prominenter Gäste wuchs. Heiner Müller kam oft zu Besuch, er lag auf dem Sofa und schien zu lesen. Dabei schrieb er ohne Stift. Wir feierten, wie man feiert, wenn man noch unter Dreißig ist, im allgemeinen schwer unter Alkohol und sehr gesprächig. Auf dem Altan saßen wir so oft und lange, bis er abbrach.

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Die Mauertür: Sinnbild unerfüllter Verheißung, der Trennung und der Hoffnung auf ihr Ende. Sie unpassierbar zu machen war übrigens nicht der Sinn der Mauer, die sie füllt. Diese Mauer diente wirklich einem guten Zweck, nicht einem nur behaupteten wie dem vom Antifa-Schutzwall. Sie schützt die Wand vor dem Zusammenbrechen. Honecker verzögerte mit seiner Mauer auch den Zusammenbruch. Er hat es geschafft; man kann sich dafür bedanken.

Das Schloß selbst war, wie das Bild suggeriert, voller Verstecke und Geheimnisse. Fontane gab zu, daß ihm vieles unklar blieb. Die Chronik ist in jeder Hinsicht dunkel. Wenige Details sind bekannt, die meisten liegen hinter einer Schweigemauer. Seit Fontane ließ das Schloß viele Besitzer über sich ergehen. Jahrzehntelang verwaist begann es, in zwei Teile zu zerbrechen. Jetzt hat es wieder einen Herren.

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Muß man dies wissen, damit man das Bild lesen und zum Sprechen bringen kann? Nein. Der Leser sieht das Bild hier aus dem Grunde, weil es alleine spricht und anspricht. Es kommt ohne Anekdoten und Bildunterschriften aus. Nur das genaue Datum ist von Belang. Man kann das Bild entziffern, wortlos oder in Worte übersetzt, mit oder ohne meinen Text. Es geht eigene Wege, so wie Kinder Wege gehen, die nur sie kennen.

Ist es ein Blick aus dem Blaubartzimmer, aus der chambre close? Blaubart würde denken: gut daß Tür eine Mauer ist. Seine Frauen würden je nach Temperament anders denken; wie werden wir von ihnen nicht erfahren. Wenn es ein Blick von außen ist und hinter ihm das Blaubartzimmer.

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